Die Zahl ist gross – aber was wurde gemessen?
Die Schweizer Gletscher haben im Jahr 2026 mehr als fünf Prozent ihres Eisvolumens verloren. Das geht aus den Anfang Oktober veröffentlichten Messdaten des Schweizerischen Gletschermessnetzes GLAMOS hervor, über die unter anderem die ETH Zürich berichtet. Gemeint ist das landesweite verbleibende Eisvolumen, nicht dass die Oberfläche jedes einzelnen Gletschers exakt um denselben Prozentsatz kleiner geworden sei. Vergleiche einzelner Fotografien mit unterschiedlichen Jahreszeiten können dramatisch wirken, ersetzen aber keine wissenschaftliche Volumenbestimmung. Noch bedrückender ist der längere Trend: Innerhalb von fünf Jahren verschwanden nahezu 20 Prozent des gesamten Gletschereises der Schweiz.
Welche Gletscher besonders betroffen sind
Die ETH nennt Rhone-, Aletsch- und Claridengletscher als Beispiele für besonders starke Verluste in der Saison 2026. Kleinere Eisflächen wie der Bella-Tola-Gletscher im Wallis und der Griessfirn im Kanton Glarus sind nach Angaben der Forschung ganz verschwunden. Zwischen einem vollständig verlorenen kleineren Gletscher und dem Rückzug einer grossen Gletscherzunge besteht jedoch ein wichtiger Unterschied. Der Aletschgletscher ist nicht einfach verschwunden, sondern hat einen erheblichen Rückgang erlitten. Wer Wanderungen in diesen Regionen plant, sollte die aktuellen Wegführungen und lokalen Sicherheitsmeldungen statt älterer touristischer Fotos beachten.
Wie dick das Eis im Sommer 2026 abnahm
Die mittlere Eisdicke einzelner untersuchter Gletscher ging in der diesjährigen Messsaison um ungefähr 2,5 bis vier Meter zurück. An einigen Gletscherzungen betrug die Abnahme bis zu zehn Meter. Die Zahlen beziehen sich auf unterschiedliche Messorte und dürfen nicht zu einer angeblichen schweizweiten durchschnittlichen Abnahme von zehn Metern zusammengefasst werden. Auf hochalpinen Eisflächen ist das Schwinden ausserdem räumlich ungleich verteilt. Die Messungen kombinieren Langzeitbeobachtungen und Glaziologie statt einfacher Schätzungen aus Satellitenbildern. Deshalb sind sie eine bessere Grundlage für Aussagen zur Entwicklung des Gesamtvolumens.
Warum der Winter und die Hitzewellen so wichtig waren
Der Winter 2025/26 gehörte in der Schweiz zu den zehn schneeärmsten seit Beginn der entsprechenden Messreihen. Ein schneearmer Winter lässt im Sommer weniger weisse Deckschichten zurück, die Sonnenlicht reflektieren und das Eis schützen. Von Mai bis September folgten Trockenheit und ungewöhnlich heisse Phasen. Die Nullgradgrenze stieg nach ETH-Angaben an 76 Tagen über 4000 Meter Höhe. Im September fehlte selbst in rund 3500 Metern Höhe vielerorts die schützende Schneedecke. Solche Bedingungen beschleunigen das Schmelzen, auch wenn einzelne kühle Tage oder Neuschnee kurzfristig Entlastung bringen können.
Das überraschende Problem beim Schmelzwasser
Zwischen Juli und September setzten die Schweizer Gletscher nach den GLAMOS-Daten rund 2200 Milliarden Liter Wasser frei. Kurzfristig kann dieses zusätzliche Wasser sommerliche Engpässe in Flüssen und für verschiedene Nutzungen abfedern. Langfristig ist das aber keine erneuerbare Reserve in gleicher Höhe: Wenn weniger Eis übrig bleibt, kann es in künftigen Trockenperioden auch weniger Schmelzwasser liefern. Die Folgen betreffen Wasserkraft, Ökosysteme, Landwirtschaft und die Planung in Bergregionen, allerdings unterschiedlich je nach Einzugsgebiet. Eine direkte Prognose für den Wasserhahn eines bestimmten Haushalts lässt sich aus einer nationalen Volumenzahl nicht ableiten.
Was Bergwanderer und Ausflügler beachten sollten
Schwindendes Gletschereis verändert das alpine Gelände. Neue Spalten, instabil werdende Moränen, Steinschlag und unübersichtliche Übergänge zwischen Fels und Eis können bisher vertraute Routen schwieriger machen. Bei einer Tour in der Nähe von Gletscherzungen sollten aktuelle Informationen von Bergbahnen, Hütten und Bergführern eingeholt werden. Eine neue Gletscherhöhle auf einem Foto ist keine Aufforderung, sie ohne Fachkenntnis zu betreten; unterirdische Eisgewölbe können einstürzen. Für die breite Öffentlichkeit sind gut markierte Aussichtspunkte und offiziell freigegebene Wege die sinnvollere Wahl als der Versuch, ein besonders spektakuläres Bild zu erzwingen.
Die Antworten hinter dem Rekordtitel
Verlor die Schweiz 2026 exakt fünf Prozent ihres Eises? Die publizierte Angabe lautet mehr als fünf Prozent des Volumens. War es das schlimmste Jahr überhaupt? Der Rekord von 2022 wurde insgesamt nicht ganz erreicht, obwohl viele Einzelgletscher extreme Rückgänge zeigten. Sind alle grossen Gletscher verschwunden? Nein; einige kleinere verschwanden, andere ziehen sich zurück. Warum wird das wichtig für die Zukunft? Gletscher speichern Wasser über lange Zeiträume und verändern beim Rückzug Landschaft und Wasserverfügbarkeit. Die ursprüngliche Untersuchung wurde am 1. Oktober veröffentlicht; sie ist kein neuer Messwert, der erst heute Nacht erhoben wurde.
